Das Achal-Teke-Pferd, Nachkomme der erstdomestizierten

Pferde in den zentralasiatischen Steppen.

Dr. Johannes Flade, Fliemstorf

 

Histrorisches Eigenschaften des Achal-Pferdes Merkmale des Achal-Pferdes

 

Historisches

 

Der Venezianer Marco Polo berichtet 1298/99 in genuesischer Gefangenschaft von seinen  Erlebnissen zwischen 1271und 1295, darunter «von den acht Königreichen Persiens und von ihren Namen». Dazu diktiert er seinem Mitgefangenen Rusticiano de Pisa «...In diesem Königreich (Teile des heutigen Iran) züchtet man hervorragende Rennpferde, die nach Indien verkauft werden... Hier hält man auch die besten Hengste der Welt... Sie sind von grossem Wuchs, sehr schnell und gehen gut im Passgang. Man verkauft sie nach Chisi und Curmosa (Kish und Hormus), zwei Städte an der Küste des Indischen Ozeans» (aus Folio 12v/13 im «Das Buch der Wunder, Le Livre des Mervilles du Monde» um 1410, Ms. fr. 2810 Bibl. Nat.de France, Paris). Es könnten die Nachfahren der Nisäischen, also Turkestanische oder Turkmenische Pferde gewesen sein.

Achal-Teke-Hengst, Ausgabe der Post der UdSSR im Rahmen einer Pferdeserie 1968.

Achal-Teke-Pferd unter einer Filzdecke; bei Wärme und Kälte wurden turkmenische Pferde eingedeckt, um sie «schlank» zuhalten – um1930.

Turkmenischer Reiter mit seinem Pferd nach dem historischen Ritt über 4300 km von Aschchabad in 84 Tagen durch die Karakum-Wüste nach Moskau 1935.

Zwei turkmenische Pferde um 1420, Miniatur «Husrau und Sirin auf der Jagd», Baisonqur- Handschrift. Seite 237, Staatliche Museen, Berlin.

Aktuelle Karte der Republik Turkmenistan; das Land umfasst etwas mehr als 488 000 km2, hat rund 4 Millionen Einwohner (7,6 Einwohner pro km2), davon etwa 75% Turkmenen, 9% Usbeken, 7% Russen und 3% Kasachen. Der Anteil der städtischen/ländlichen Bevölkerung beträgt 2006 etwa 50:50.

«Turanische Pferde», Gemälde von József Heicke (1811 bis 1861), Sammlung Miklós Jancovich, Budapest.

Vierspänner mit Pferden, die mit den baktrischen wenigstens verwandt waren (Huqu- Pferd, Nordwest-China), Bronze-Miniatur (50 % der Originalgrösse) eines chinesischen Hochwagens, aus einer Grube 1,5 km neben dem Grab von Kaiser Qin Shihuangdi (259 bis 210 v. Chr.),1988 restauriert, Xi’an-Museum, Provinz Shaanxi, Ausstellung Markkleeberg bei Leipzig 2005.

Gesatteltes edles Pferd mit geflochtenem Schweif (erhöht die Schnelligkeit), das mit den «himmlischen Pferden» wenigstens verwandt war, aus einer Grube 1,5 km neben dem Grab von Kaiser Qin Shihuangdi.

Achal-Teke-Hengst «Asad», geboren 1964 Turkmenien.

Achal-Teke-Hengst mit metalligglänzender Isabellfärbung und dem landestypischen Festschmuck aus Silber. Landwirtschaftsausstellung AGRA Markkleeberg bei Leipzig, Foto: Verfasser 1959.

Achal-Teke-Hengst «Aad», geboren um 1860, Gemälde von N. E. Sverchkov 1870, Museum für Pferdezucht, Moskau.

Sergej Filatow auf «Absent», geboren 1952 (von Arab 1930), in der Piaffe, Landwirtschaftsausstellung AGRA 18. Juni 1959. Foto: Verfasser.

Achal-Teke-Hengst «Serdar», geboren 1882 in Turkmenien, Ausgabe der Post der UdSSR 1988, nach einem Gemälde von A.Villevalde, Museum für Pferdezucht, Moskau.

Achal-Teke-Hengst «Arab», geboren 1930 in Turkmenien, unter Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow anlässlich der Siegesparade am 24. Juni 1945 in Moskau.

Achal-Teke-Hengst «Boynav», geboren 1885 in Turkmenien.

Achal-Teke-Hengst «Julduz», geboren 1962 in Turkmenien.

Achal-Teke-Hengst «Mele», geboren 1928 in Turkmenien.

Achal-Teke-Hengst «Musur», geboren 1988 in Turkmenien.

Achal-Teke-Hengst «Taze 2», geboren 1992 in Turkmenien.

Iomud-Hengst, in Turkmenien 1993 geboren. Es handelt sich um eine Reitpferderasse, die eng mit dem Turkmenischen Pferd verwandt ist und urspünglich im transkaspischen Bereich von Arabischen Pferden beeinflusst wurde. Es ist ein hartes, ausdauerndes Pferd, das infolge seines guten Gangvermögens in Schritt und Galopp als Kavalleriepferd besonders geeignet war. Heute wird es als Reit- und als Gespannpferd verwendet.

Kabardiner Hengst, im nördlichen Randgebiet von Turkmenien 1993 geboren. Diese Rasse ist in den Bergregionen des Kaukasus zu Hause und wird allseitig eingesetzt. Sie ist mit Turkmenischen Pferden und mit Karabachen eng verwandt, führt aber auch arabisches Blut. Die Pferde dieser Rasse sind anspruchslos, langlebig und fruchtbar und werden wegen ihrer Trittsicherheit sehr geschätzt.

Achal-Teke-Rapphengst Absent, geboren 1952, von Arab, geboren 1930. Olympiasieger im Dressurreiten in Rom 1960 und Bronzegewinner in Tokio 1964 unter Sergej Filatow.

Die Erstdomestikation des Pferdes hat vor etwa 6000 Jahren in den zentralasiatischen Steppengebieten durch die dort lebenden Hirtenstämme stattgefunden.Sicher sind diese Pferde zugleich auch die unmittelbarenVorfahren des turkmenischen Pferdes gewesen. DasAchal-Teke Pferd (auch: Achal-Tekkiner oder Argamak) gehört zu dieser Population. Soweit wir heute wissen, haben es die in Zentralasien nomadisierenden turksprachigen Völker schon in der Periode des «Pferdenomadismus» gekannt und genutzt, also wenigstens vor 3000 Jahren. Dazu gehörten auch die später in die Geschichte eingetretenen Turkmenen, eine aus den alttürkischen Ogusen hervorgegangene Volksgruppe. Diese siedelten vom 9./10.Jahrhundert an in der Region östlich des Aral-Sees und gründeten dort ein Staatsgebilde, das unter den Seldschuken im 11. Jahrhundert seine grösste Ausdehnung über fast ganz Mittelund Kleinasien erreichte. Aus den Geschlechtern ihrer Stammesführer gingen später die Osmanen hervor; ihre Sultane bauten das riesige Osmanische Reich auf und beherrschten es von 1299 an durchgängig mehr als 600 Jahre lang, bis 1922. Davon ist nur die heutige Türkei übriggeblieben. Zugleich waren die Sultane von 1517/18 an Kalifen, also die höchste muslimische Instanz, die aber mit ihnen 1924 erlosch. Diejenigen Stämme der Ogusen, die sich seit der 651 erfolgten muslimischen Eroberung zum sunnitischen Islam bekehrten, wurden seit dem 10. Jahrhundert als Turkmenen bezeichnet. Erst im 15. Jahrhundert trennten sie sich auch ethnisch von den Ogusen. Sie lassen sich in mehrere Gruppen unterteilen, die nebst Turkmenistan auch Afghanistan, Iran und die Türkei bevölkern. Vom13. Jahrhundert an wurde auch diese für die Entwicklung der Zivilisation so sehr bedeutende Region Turkestan Opfer der Reiterheere von Dschingis Khan (geboren 1155, er starb am 18. August 1227 nach einem Reitunfall!) mit katastrophalen Folgen. Europa war völlig überrascht: Im Schutz des Rheins schrieb der Mönch Caesarius im Kloster Heisterbach 1222 «Im vergangenen Jahr brach ein Volk in die Reiche der Ruthener ein (Ostslawen, östlich des heutigen Ungarns und Polens), das einen ganzen Stamm vernichtete. Wir wissen von jenem Volk nicht, was es ist, woher es kommt und wohin es geht.» Unter dem Enkel Dschingis Khans, Hulago (später, von 1261 bis 1265 Ilchan im von ihm eroberten Iran), war die Eroberung des Gebietes um 1250 durch die Mongolen abgeschlossen und 1258 auch Bagdad, Sitz des Abbasiden-Kalifats, völlig vernichtet, die gesamte Bevölkerung bis auf einige attraktive Frauen und Handwerker niedergemetzelt. Der nach Westen gerichtete Mongolensturm wurde zwar 1260 bei Ain Dschalut (nördlich Jerusalem) durch das Heer des ägyptischen Mamelukenherrschers Baibars I. (regierte 1260 bis 1277) zum Stehen gebracht, hatte aber eine völlige Vernichtung aller festen Plätze auch in den Oasen Turkestans beziehungsweise Turkmenistans zur Folge. Betroffen waren vor allem die bedeutenden Zentren für Handel und Landwirtschaft Merv (Ruinen nahe des heutigen Mary) und Tedzen; aber auch Urgentsch/Chiwa und Choresm sowie weiterer Städte Turkestans wie Buchara, Taschkent, Kokand und Samarkand waren betroffen. «Was schön war, zerstörten sie, Kostbares beschmutzten sie, Rang, Geschlecht und Alter schändeten sie; Hilfe leistete niemand...» heisst es im Klagelied auf die Vernichtung des Königreiches Ungarn 1242, das mit zu den ersten europäischen Opfern gehörte. Einhundert Jahre später, um 1382 eroberte Timur Läng (Timur der Lahme,1336 bis 1405) Turkmenien und seine Randgebiete; die Gräueltaten seiner Horden sind sprichwörtlich und dauerten weitere 100 Jahre. Auch sie hatten verheerende Folgen. Die mongolische Herrschaft wurde erst vom 16. Jahrhundert an von den inzwischen islamischen Khanaten Buchara und Chiva endgültig abgelöst. Der damals im Gebiet östlich des Aral-Sees und südlich der zentralen Karakum-Wüste (Karakum heisst Schwarzer Sand) verbliebene Teil der Turkmenen bildet ein wesentliches Element der Bevölkerung der heutigen selbständigen Republik Turkmenistan. Die nomadisierenden Teke-urkmenen werden jedoch erst im 16. Jahrhundert als selbständiger Volksstamm erwähnt. Zur Wende des 18./19. Jahrhunderts besiedelten sie die grosse Oase Achal und wurden vor allem dort um 1830 sesshaft. Die Tierzüchter blieben in den Steppengebieten am Rande der Karakum-Wüste weitgehend selbstständig; Schaf-, Kamel und eben auch Pferdezucht waren ihre wirtschaftlichen Grundlagen. Turkmenistan wurde von 1877 an bis 1885 unter riesigen Opfern seiner Bewohner (allein der Fall der Festung Geok-Tepe kostete den Turkmenen 15 000 Tote) mit Gewalt dem Russischen Reich einverleibt. Seit Ende 1991 ist es wieder selbständig und eine Republik. Ihr Territorium liegt zwischen dem Kopet-Dag-Gebirge im Süden, dem Amudarja (Oxus) im Norden und dem Aral-See im Westen. Sie ist über 80% von Wüste bedeckt. Nur die wenigen Oasen, Flüsse, Kanäle und eine besondere Bewässerungstechnik ermöglichen den heute etwa vier Millionen Bewohnern ein erträgliches Leben; Ackerbauern und Viehzüchter haben mit etwa 40%einen hohen Bevölkerungsanteil. Es herrscht ein kontinentales Wüstenklima: Mit einer Niederschlagsmenge zwischen nur 75 und maximal 400 mm pro Jahr gehört das Gebiet zu den wasserärmsten der Erde, zwei Drittel des Landes erhalten weniger als 150 mm jährlich. Die Luftfeuchtigkeit ist extrem gering, die Tagestemperaturenliegen im Januar zwischen minus sechs und plus fünf °C, im Juli bei 27 bis 32°C. In den Steppengebieten rechnet man daher mit mindestens sechs ha pro Fettschwanzschaf, um dessen Ernährungsgrundlage einigermassen zu sichern. Die Achal-Oase war durch die bessere Wasserversorgung von jeher günstig für die Tierhaltung. Das jahrtausendealte, vom Grundwasserstand abhängige Brunnensystem der sogenannten Kjaris funktioniert noch heute. Die kleinen Flüsschen Aschchabadka und Keschinka versorgten schon den alten, im Laufe der Zeit befestigten Aul Azchabad mit Wasser; man findet davon nur noch einen Hügel etwa in der Mitte der heutigen turkmenischen Hauptstadt Aschchabad. Ausgrabungen haben dort seine Existenz seit etwa 2100 Jahren nachgewiesen. Er war Namensgeber für die an seiner Stelle 1881 im von Russland eroberten «Transkaspien» ursprünglich als russische Wehrfestung gegründete Stadt; diese wurde durch ein Erdbeben 1948 fast völlig zerstört, aber inzwischen wieder aufgebaut. Es ist für europäische Züchter turkmenischer Pferde sehr interessant zu wissen, dass sich etwa 18 km südöstlich Aschchabad die Ruinen der alten Königsstadt Nisäa (Nisa, turkmenisch Nussoi) befinden. Nisäa wurde vor wenigstens 2300 Jahren erbaut und war anfangs die Hauptstadt des Partherreiches, das vom dritten Jahrhundert v. Chr. an rund 500 Jahre lang existiert hat und weite Teile des nördlichen und östlichen Irans mit umfasste. Die Nisäischen Edelpferde gehörten nebst anderen Exportartikeln zu den wertvollsten Gütern, die man seinerzeit erwerben konnte. Sie waren gemeinsam mit den nomadisierenden Hirtenvölkern im gesamten Turan (Turkestan) beheimatet, dem grossen mittelasiatischen Tiefland zwischen den Niederungen des Kaspischen Meeres und dem kasachischen Hügelland. Turkestan umfasste die heutigen Republiken Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Es besteht zu einem grossen Teil aus Wüsten und Halbwüsten, die von Oasen unterbrochen sind. Die Existenz des turanischen Pferdes als Vertreter eines im extrem trockenen Typ von alters her stehenden Tieres ist zuverlässig nachweisbar. Bedeutend dafür sind die Ausgrabungen nahe Fergana im Osten Usbekistans, die unter anderem Pferde aus der Zeit um 1000 v. Chr. zu Tage brachten. Von diesen wussten die Chinesen, dass sie Blut schwitzten und ein glänzendes Fell hatten; sie nannten sie «himmlische Pferde», um deren Besitz sie mit dem Baktrischen Reich mehrere Kriege führten. Als sehr aufschlussreich erwiesen sich auch die Ausgrabungen von Pasyryk vor 1929 und 1947 bis1949 von Pferden in Grabkammern, die in den frostsicheren Zonen des Alanga-Hochtales (Altaigebirge) zwischen dem sechsten und ersten Jahrhundert v. Chr. angelegt worden sind; auch hier handelte es sich um Pferde von 140 bis 150 cm Widerristhöhe, deren Typ von den extremen Klimaverhältnissen sowie dem daraus folgenden knappen Futter- und Wasserangebot geprägt worden ist. Auch die Ausgrabungsstätten von Anau östlich Aschchabad mit Gegenständen aus dem vierten und dritten Jahrtausend (Anau-Kultur) sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Sie kamen in mehreren Varianten auch im Nordostiran vor, dem damaligen Medien. Schon unter den Perserkönigen Kyros (der Grosse, regierte 559 bis 529 v.Chr.) und Darius I. (regierte 522 bis 486 v. Chr.) stand die Rasse in hoher Blüte. In den königlichen Gestüten sollen damals mehrere 100’000 Zuchtpferde gehalten worden sein. Die nach Hunderttausenden von Pferden zählenden Reiter und Streitwagenheere Alexander III. (der Grosse, 356 bis 323 v. Chr.) und zuletzt Darius III. (regierte 336 bis 330 v. Chr.) waren mit turkmenischen Pferden ausgerüstet. Ihr Verbreitungsgebiet reichte über ganz Turkestan bis nach Mesopotamien, dem heutigen Irak. Ganz sicher ist auch, dass diese grosse Pferdegruppe an der Herausbildung der Pferdes auf der Arabischen Halbinsel beteiligt ist. Dieser Einfluss wurde auch dadurch begünstigt, dass turkmenische Stämme nach ihrer Islamisierung umfangreich im Dienste benachbarter Herrscherhäuser standen, so durchgehend bei den Bagdader Kalifen im achten bis zehnten Jahrhundert. Deren Heere bestanden aus turkmenischen Reitern und Pferden; ihr Interessengebiet umfasste unter anderem auch ganz Vorderasien einschliesslich der Arabischen Halbinsel und Ägypten. Der iranische Herrscher Nadir Schah (1688 bis 1747) hat wahrscheinlich als Erster damit begonnen, turkmenische Pferde durch Ankauf besonders schöner arabischer Hengste aus dem Nedschd-Hochland zu veredeln. Es ist auch nicht zu übersehen, dass zum Beispiel die Kuban-Kosaken turkmenische Pferde viel benutzt und mit ihnen gezüchtet haben, also auch der westliche und nördliche Kaukasus zu ihrem Einflussbereich gehört hat, wo bis heute zum Beispiel der Yomud und der Kabardiner als Verwandte des Turkmenen existieren. Über Russland kamen daher im 18. Jahrhundert turkmenische Pferde auch nach dem Osten Mitteleuropas, zum Beispiel in das 1732 gegründete preussische Hauptgestüt Trakehnen1786/88 gegründeten Friedrich-Wilhelm-Gestüt Neustadt/Dosse. Durch die Lage der turkmenischen Zuchtgebiete in den von der Aussenwelt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur schwer erreichbaren Oasen ist die Beeinflussung des Turkmenischen Pferdes von anderen Rassen gering geblieben. Ausserdem waren die «fremden» Rassen in der Regel auch Varianten des Turkmenischen Pferdes, wenn man von den massiven mongolischen Einflüssen durch Krieg und Besetzung im 13./14. Jahrhundert oder von den zeitweiligen Importen arabischer Pferde im 18./19.Jahrhundert absieht. Infolge der ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen war ihre Zahl von Oase zu Oase unterschiedlich, oft sehr gering. Nach der erwähnten Eroberung der Achal-Oase 1881 und der 1885 erfolgten Annektion ganz Turkmenistans durch Russland war die Zahl turkmenischer Pferde in diesem Gebiet offensichtlich so minmal, dass die russische Militärverwaltung, im Gegensatz zu den brutalen Vorgängen bei der Besetzung der Oase Chiva mit Urgentsch und Chiva (gehören jetzt zu Usbekistan) und des nördlichen Irans, die örtliche Pferdezucht schonte. Sie liess 1912 die Gründung einer besonderen Pferdezuchtstätte im Aul Machtium-Kala nahe Aschchabad sowie eine eigene Zuchtbuchführung für das «Achal-Teke-Pferd» zu. In diesem Zusammenhang wurden von dieser Zeit an auch englische Vollbluthengste aus Grossbritannien und Irland verwendet; ihre Produkte entsprachen jedoch nicht den Vorstellungen. Sie konnten Interieur und Exterieur sowie vor allem den originellen Typ des turkmenischen Pferdes nicht sichern und wurden nach und nach aus der Zucht genommen. Ihre nach 1932 geborenen Nachfahren werden bis heute nicht als reinrassig betrachtet. Die nach der Oktoberrevolution erfolgte Errichtung der Sowjetmacht in der Achal-Oase zwischen Oktober und Dezember 1917 erfolgte kampflos, bestand aber zunächst nur einige Monate. Die Folgen des späteren Bürgerkrieges und der vom Iran her erfolgten britischen Intervention von 1919 bis Anfang 1920 führten zwar für etwa ein Jahr zu einem von Moskau unabhängigen Staat, aber zugleich zu schweren Schäden. Zu diesen zählte der Abtrieb von 300 Achal-Teke-Zuchtpferden durch die britischen Interventen in Richtung Kaspisches Meer, die in der Zucht nie wieder aufgetaucht sind. Nach Gründung der Turkmenischen Sowjetrepublik 1924 wurde mit der Achal-Teke-Zucht auf Grundlage des Dekretes über die Grundlagen der Pferdezucht vom 13. Juli 1918 beziehungsweise den Anweisungen der im Mai 1920 gebildeten «Hauptverwaltung für Pferdezucht beim Volkskommissariat für Landwirtschaft» (Landwirtschaftsministerium) Sowjetrusslands verfahren. Die schweren Verluste der Vorjahre wurden dadurch allmählich ausgeglichen, und der Achal-Teke gehört heute zu einem der wervollsten Schätze, die das Nomadentum der Menschheit hinterlassen hat. Man war sich von jeher der Bedeutung der «Reinrassigkeit» des turkmenischen Pferdes bewusst und strebte sie an. Im Rahmen der Zuchtstätten innerhalb der Achal-Oase war das in den nun folgenden ruhigeren und stabileren Zeiten auch möglich. Konsequent wurde nach der Erholung des Bestandes die erwähnte Verwendung von englischem Vollblut 1932 endgültig eingestellt und die Zucht seitdem nur noch reinrassig betrieben. Anfangs entschied dabei im Zweifelsfall das erwünschte und historisch gefestigte Exterieur des Pferdes über die Zulassung als Zuchttier, wobei sie dabei gleichzeitig ihre Eignung zum Reiten unter Beweis stellen: Zur Siegesparade in Moskau am 24. Juni 1945 ritt Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow (1896 bis 1974) den Achal-Teke-Schimmelhengst «Arab 1930», den Vater des erfolgreichen Zuchthengstes und späteren Olympiasiegers im Dressurreiten «Absent 1952» (Rom 1960 Goldund 1964 Tokio Bronzemedaille unter Sergej Filatow). Seit 1941 wird das Zuchtbuch veröffentlicht. Es ist die wichtigste Grundlage für die weitere Existenz und Entwicklung der Achal-Teke-Rasse überhaupt. Jetzt sind auf dieser Grundlage etwa 1200 reinrassige Pferde vorhanden, mit denen ein mehrtausendjähriges Erbe bewahrt wird. Sie bilden aber aufgrund der Bestandsgrösse sowie durch die relative Isolation der Achal-Oase noch eine lokale Rasse. Ihre grosse Bedeutung liegt in ihrer unersetzlichen Quelle für die Erhaltung der Ursprünglichkeit, Qualität und Leistungsfähigkeit des turkmenischen Pferdes schlechthin. Die Ursache hierfür ist in ihrer genetischen Konsolidierung durch jahrtausendelange Auslese auf maximale Anpassungsfähigkeit an die herrschenden Klimaverhältnisse und kargen Haltungsbedingungen bei zugleich erbarmungslos geforderter Leistung, vorwiegend unter dem Reiter, zu suchen. Dieser war ja fast immer ein Krieger – allein was letzteres bedeutet, können wir heute kaum mehr ermessen.

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Zu den hervorragenden Eigenschaften des Achal-Teke-Pferdes gehören unter anderem:

 

– weitgehende Anspruchslosigkeit gegenüber Wasser- und Futterangebot,

– extreme Ausdauer im Sinne des Durchhaltevermögens, aber auch gegenüber tiefen Sandböden, steigenden oder fallenden Strecken (Beispiel: 4300 km-Dauerritt von Aschchabad nach Moskau 1935),

– hohe Leistungsbereitschaft, energisches Verhalten und Vorwärtsdrang, «starke Persönlichkeit»,

– schnelles Antritts- und Reaktionsvermögen,

– schnelle Erholungsfähigkeit nach Strapazen,

– besondere Geschmeidigkeit, Beweglichkeit, Springeignung,

– Grosse Hitzeresistenz, grosse Widerstandsfähigkeit gegenüber Erkrankungen,

– ausgeprägtes Prägungsvermögen, also sehr gute Lernfähigkeit.

 

Besonders sensibel ausgeprägte Sinnesleistungen sind unter anderen:

 

– ausserordentlich gutes und unter schwierigsten Ansprüchen genügendes Gleichgewichtsverhalten, also grosse Sicherheit gegenüber dem Boden und seiner Beschaffenheit,

– stark ausgeprägtes Vibrationsempfinden,

– hochgradiger Gehör- und Geruchssinn,

– sehr empfindsamer Tastsinn,

– ausgeprägtes Personengedächtnis mit Hilfe des Geruchs- und Gehörsinns, Anhänglichkeit und grosse Lernfähigkeit.

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Der Consul Frankreichs im Iran, Gamba, berichtete Anfang des 19. Jahrhunderts: «Unter den turkomanischen Pferden nehmen die vom Stamme Tekeh die erste Stelle ein... Diese Pferde... ertragen Entbehrungen und Beschwerden leichter und sind flüchtiger als alle bekannten Pferde, sind voller Feuer, Mut und Intelligenz, wenn man mit ihnen vernünftig umgeht und benügen sich mit so Wenigem, dass sie mit einem bescheidenen Mass von Gerste tagelang dauernde Märsche aushalten.» Und Murawiew schreibt zur gleichen Zeit: «Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, was diese Pferde auszuhalten vermögen: in acht Tagen durchlaufen sie an tausend Werst (1067 km) durch Steppen, die weder Wasser noch Graswuchs haben, nehmen als Stärkung nur eine geringe Portion Hirse, die der Reiter bei sich hat. Zuweilen laufen sie vier Tage ohne zu trinken.» Diese Eigenschaften machen die spezielle Eignung dieser Rasse zum Reiten, vor allem zu Reitwanderungen über grosse Strecken sowie für sportliches Reiten aller Art deutlich. Das schliesst die Verwendung zum Fahren nicht aus und hat auch dazu geführt, dass das Achal-Teke-Pferd bei der Schaffung und Stabilisierung anderer Rassen besonders in Russland, eine besondere Rolle gespielt hat: So beim Karabachen, Karabaier, Orlov-Rostopschiner sowie beim Streletzker- und Donpferd. Es muss aber aufgrund seiner grossen Sensibilität hinzugefügt werden, dass seine Ansprüche an den Betreuer und Reiter entsprechend hoch sind und man keinesfalls von einem «Jedermannspferd» sprechen kann. Hierbei ist auch daran zu denken, dass seine Züchter und Halter in «Turkmenien» seit Jahrtausenden als Nomaden und Krieger mit ihrem Pferd aufs Engste verbunden sind, von Geburt an mit ihm zusammen leben und umgehen, also zwangsläufig überragende Kenntnisse von allem haben, was ihr vierbeiniges Familienmitglied betrifft. Dieses Vertrauensverhältnis auch ausserhalb seiner Heimat zu schaffen ist eine grundlegende Voraussetzung für jeden, der dieses Pferd hält und mit ihm arbeitet.

 

Zu den besonderen Merkmalen des Achal-Teke-Pferdes gehören zum Beispiel:

 

– seine unverwechselbare Gestalt. Sie ist, wie im historischen Teil begründet wurde, traditionell nachzuweisen und gegenüber anderen Rassen völlig eigenständig.

–Das Pferd ist sehr zuverlässig, geschickt und schnell sowie  völlig anspruchslos an Unterkunft und Ernährung und «nicht totzukriegen», ausserdem sehr schön;

– der Kopf hat gerades Profil, ist fein ziseliert, trägt grosse, ausdrucksvolle Augen, die Nüstern sind weit, die Ohrmuscheln stehen weit auseinander.

– Man sieht in der Regel einen hochangesetzten, langen, flachen Hals mit hoher Kopfhaltung (etwa 45° zum Hals). Dadurch liegt das Maul bei manchen Tieren höher als der Widerrist;

– der Körper hat kein bisschen Fett zu viel, ist also trocken, röhrenförmig und durch einen hohen, ausgeprägten Widerrist gekennzeichnet, der in eine lange, schräge Schulter ausläuft. Der Rücken ist lang, die Rippen sind flach, die Lenden schmal.

– Die Extremitäten sind generell sehnig und muskulös. Vorder- und Hinterbeine stehen meist eng, vorn gerade mit langem Oberarm, hinten oft sprunggelenkseng mit weit vom Boden stehenden Sprunggelenken.

– Die Hufe sind, wie bei allen Edelpferden klein, regelmässig, hart und haben oft wenig ausgeprägte Trachten;

– die Widerristhöhe liegt im Mittel bei Stuten bei 155 cm (150 bis 166 cm) und Hengsten bei 159 cm (154 bis 168 cm).

– Die Körperlänge beträgt bei Stuten im Mittel 158 cm (153 bis 167 cm), bei Hengsten 160 cm (153 bis167cm). Das Mass für den Brustumfang ist zwar futterabhängig, bestätigt aber den allgemein sehr schlanken Körperbau des Achal-Teke-Pferdes: Stuten erreichen 168 bis 192 cm (durchschnittlich 175,5 cm), Hengste 170 bis 188 cm (durchschnittlich 178,0 cm);

– sein einzigartiger Gang. Er ist bei fast unbeweglichem Rükken gleitend und fliessend. Die Elastizität (Kadenz) ist hervorragend, der Raumgriff gross und der energische Antritt erfolgt deutlich aus der Hinterhand. So ist es kein Wunder, dass die Leistungen beispielsweise im Dressurreiten hoher Klasse von reinblütigen Achal-Teke-Pferden oder solchen, die mit ihnen eng verwandt sind, ein besonderes Niveau haben;

– sein bezauberndes Haarkleid. Durch die feine glatte, aussergewöhnlich dünne Haut ist begründet, dass das Deckhaar ganz kurz ist und sich seidig anfühlt. Es ist dies ein Kennzeichen für alle aus den Zonen mit trockenem Klima, auch zum Beispiel für den arabischen Vollblüter.

– Das Langhaar ist nur angedeutet, Stirnschopf und Kötenbehang sind kaum vorhanden, die Mähne sowie die Schweifhaare sind dünn und fein.

– Es kommen Füchse, Braune, Falben, Isabellen, seltener Rappen und Schimmel vor, auch ein falbener Farbton.

– Das mit metallisch glänzenden Haaren durchsetzte Fell vermittelt einen schimmernden Glanz: Goldschimmer.

– Vor allem bei falbener Grundfarbe, der das Sonnenlicht reflektiert. Auch Silbertönungen, zum Beispiel bei Rappen, sind möglich.

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Zur Erhaltung und Förderung der Achal-Teke-Zucht wurde im April 1995 in Moskau die «Internationale Gesellschaft für Achal-Tekkiner-Zucht» (MAAK) gegründet. Ihr ist ein Zentrum für Zucht und Zuchtwahl angeschlossen, das im Rahmen des Allrussischen Wissenschaftlichen Forschungsinstitutes für Pferdezucht arbeitet. Ihm obliegt unter anderem das Führen beziehungsweise die Anfertigung von Zuchtunterlagen, des Zuchtbuches (GPK) sowie die Anerkennung der Zuchttiere. Nur diese Einrichtung ist zur Ausstellung von Zuchtpapieren berechtigt. Es ist sehr zu begrüssen, dass sich unter anderem in Mittel- und Westeuropa oder in den Vereinigten Staaten von Amerika viele aktive Streiter für den Erhalt des Achal-Teke-Pferdes gefunden haben. Nebst den regelmässig erscheinenden russisch/turkmenischen Publikationen hat die Schweizer Zuchtorganisation im Jahr 2000 ihren ersten Band des «Stutbuches für Achal-Tekkiner-Pferde» herausgebracht und in Deutschland (Sieg-Friede Karras) ist 2001 eine deutsch-englische Ausgabe «Achal-Tekkiner I» mit Angaben aus Geschichte und Gegenwart des Achal-Teke-Pferdes erschienen. Das ist auch ein Beweis dafür, dass das Überleben dieser wertvollen und seltenen Rasse gesichert und damit dieses Denkmal des Nomadentums erhalten werden kann.

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